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Der Nestbeschmutzer

Stefan Thor war vor 20 Jahren „das wahre Christkind“

Goldene Krone, Engelsflügel, blonde Locken. Eigentlich hatte das selbst ernannte Christkind Stefan Thor beim Prolog auf dem Marientorzwinger alles, was es braucht. Nur das Geschlecht war leider nicht das richtige.

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Er sei nicht schön, aber charmant, wetter- und trinkfest, schwindelfrei und „selbstverständlich ein Eingeborener“. Ein Mann für alle Fälle also, so stand es jedenfalls im offiziellen Bewerbungsschreiben an die Christkind-Kommission.

Spaß muss sein, so hält es Stefan Thor auch 20 Jahre danach.

Matejka

Sollte es wider Erwarten nicht klappen mit seiner Wahl, schrieb der 22-jährige Schriftsetzer Thor damals selbstbewusst in seiner Bewerbung, dann stehe er gerne als Knecht Ruprecht oder Nikolaus zur Verfügung. Es kam weder zu dem einen noch zum anderen. Wenn es ums Christkind geht, hören in Nürnberg der Spaß und die Gleichberechtigung auf, da mochte der 22-Jährige noch so energisch auf eigene Bibelstudien hinweisen, die eindeutig ergeben hätten, dass Gottes Sohn ein Mann war.

Lustig war’s trotzdem, grinst der Mann mit den unglaublich blauen Augen. Himmelblau sozusagen, und längst nicht so vergänglich wie blond gelocktes Haupthaar. Stefan Thor, heute 42, kramt Papiere aus einem Ordner, den er „20 Jahre nicht mehr angefasst“ hat. Die spaßige Idee, ausgeheckt mit Kollegen, hat viele Spuren hinterlassen.

Im Bademantel

Fotos des blonden Engels mit den Wallehaaren, Zeitungsartikel und Zeugnisse seines Auftritts bei der

Sat1-Show „Schreinemakers live“, bei der man ihn in ein wenig vorteilhaftes, an einen Bademantel erinnerndes Gewand steckte und zusammen mit dem echten weiblichen Christkind Barbara Zillgens (16) präsentierte.

Abgelehnt? Stefan Thor beeindruckte das wenig, er gründete eine Ich-AG, die sich „Das wahre Christkind“ nannte, und reiste von Termin zu Termin. Altenheime hätten ihn eingeladen, erzählt er; die Menschen dort seien froh gewesen, dass sich jemand für sie Zeit nahm. Auch wenn’s ein Mann war. Das Christkind-Kostüm für seinen eigenen Prolog, den er eine halbe Stunde vor der „echten“ Eröffnung des Christkindlesmarktes von der Brüstung des Marientorzwingers aus hielt, habe er im Zauberladen an der Burg ausgeliehen. Zitat: „Das war mehr ein Engel. Christkind gab’s in meiner Größe nicht.“

Ein Spickzettel

Weil er den Text über das „Städtlein aus Holz und Tuch“ erst einen Tag zuvor bekam, musste er ablesen. Von einem Spickzettel sprach die Presse am nächsten Tag ein wenig hämisch. Für viele war der selbst ernannte Christmann ein Nestbeschmutzer. Auch wenn NN-Leser anderer Meinung waren: „Jesus Christus war ein Mann! Das lässt sich nicht wegdiskutieren“, schrieb einer erbost.

Eine originelle Gretchenfrage, die heftig diskutiert wurde und bei der man auch die Frauenbeauftragte Ida Hiller zurate zog. Sie verbrannte sich die Finger mit dem Satz, dass Männer für dieses Ehrenamt durchaus zum Einsatz kommen könnten. Frauen hätten dann mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Ein Satz, der nicht nur die Eltern des amtierenden Christkinds (weiblich) auf die Palme brachte. Ironisch sei das gemeint gewesen, sagt Hiller heute. Und leider habe sich bis heute wenig geändert an der Verteilung der ehrenamtlichen Arbeit.

Alles wiederholt sich: Erst heuer habe sich ein Bürger ans Presseamt gewandt, der sämtliche Artikel des Jahres 1993 eingescannt hatte und die Frage nach der Gleichberechtigung neu stellte. Hiller antwortete ihm. Auch 20 Jahre später, das ist Fakt, kann kein Mann Christkind sein.

Hat Stefan Thor damals nicht sein kritisches Verhältnis zum Kommerzfest Weihnachten als Motiv für sein selbstloses Engagement genannt? Er habe heute noch seine Probleme damit, am 24. Dezember etwas schenken zu müssen, gesteht er. Seine Frau bekomme unterm Jahr Präsente, nur beim Baum sind die Thors auf Spur. Der steht im Wohnzimmer, „wie es sich gehört“.

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